Schreibzeit | Privates Bloggen - ein Oxymoron


Wozu bloggen? Was reizt so viele Menschen da draußen daran ihre persönlichsten Gedanken, Gefühle, Ideen auf einem Blog zu veröffentlichen? Tun sie das überhaupt? Der Blog als privates Tagebuch mit Öffentlichkeitscharakter?

Je mehr ich über Bines neues Schreibzeit-Thema nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass das Bloggen für mich weniger von einem privaten Tagebuch hat - mal ganz davon abgesehen, dass ich dazu nicht die Disziplin aufbringen könnte (daher auch das schicke Gute-Nacht-Tagebuch von Bob & Uncle).



Wenn wir mal ganz ehrlich mit uns selbst sind, bloggen die meisten von uns aus einem ganz anderen Grund als um eine Plattform zu haben, um über Privates schreiben zu können, denn das kann man - wie Bine so schön gesagt hat - auch einfacher mit einem Tagebuch im Nachttisch haben. Privat, versiegelt mit einem dicken Vorhängeschloss.
Meiner Meinung nach, sehnen wir uns alle nach Anerkennung, die wir außerhalb der virtuellen Welt nicht in dem Maß bekommen, in dem wir es eigentlich bräuchten, um glücklich und zufrieden zu sein. Ich habe das Gefühl - mag sein, dass ich da nicht bei allen 100% richtig liege - dass viele von uns, mich eingeschlossen, sich im Blog eine Heile-Welt schaffen, in der sie sich diese Anerkennung holen wollen. Ein Rettungshafen in dem alles perfekt ist. Die Fotos zeigen meist sehr schön hergerichtete Stilleben. Aber, sieht es in unserem Leben immer so ordentlich, ästhetisch oder sonnig aus?
Seit ich selbst blogge und mich öfters in anderen Blogs umschaue, die mit ähnlichen Themen zu tun haben, wie mimi unleashed, fällt mir auf, wie unglaublich fröhlich und perfekt viele dieser Texte, die ich da lese, klingen. Ich finde das ein wenig verstörend, weil ich nicht glauben kann, dass deren Welt wirklich so Martha-Steward-like ist. Makellos. Da wird bestimmt auch fünfzigtausend Mal rumprobiert, bis das eine Foto für den neuen Artikel gut aussieht, oder? Jeder Text wird mehrmals Korrektur gelesen. Paragraphen werden umgestrickt. Formulierungen überdacht. Ich glaube, diese künstliche heile Welt setzt uns nicht nur unter einen enormen Druck perfekt sein zu müssen, sondern sie unterstützt eine Illusion. Denn mittlerweile müssen vor allem wir Frauen ja nicht nur gut aussehen, einen tollen Schulabschluss und Job haben, sondern auch nebenbei noch die perfekte Hausfrau und Mutter sein, die das Essen für die Kinder immer selbst kocht. Ernährungstechnisch weiß sie genau, was sie ihrer Familie auf den Tisch bringt. Sie probiert immer wieder neue Rezepte aus, die ihr natürlich immer gelingen. Nebenbei fertigt sie noch stilvolle Dekorationen an - natürlich handmade, denn wir sind alle unglaublich kreative Individualisten. Sie beherrscht alle möglichen Handwerkstechniken im Schlaf. Und egal bei welchem Wetter, "die Frisur sitzt!" Dass das Leben nicht immer so strahlend hell ist, muss ich euch nicht erzählen. "Und wenn dich dein Leben nervt, streu Glitzer drauf" oder wie war das? Bloggen wir nicht deshalb, um wenigstens in der virtuellen Welt mehr Glitzer zu haben?

Bei all dem Glitzer frage ich mich, woher dieser Drang der aktuellen Generation nach Anerkennung kommt. Erstaunt beobachte ich Freundinnen, Bekannte und immer öfter mich selbst dabei, wie wir z. B. versuchen die perfekte Gastgeberin zu sein, die nicht nur alle Kuchen selbst backt, sondern auch von der Einladungskarte bis zum Tischschmuck und dem Gastgeschenk für das richtige Ambiente sorgt. Und alles nur, um dann im Laufe des Abends von einem Gast die Bestätigung zu bekommen, man hätte es gut gemacht. Warum machen wir uns nur so von außen abhängig?

Ich glaube die meisten Blogs haben wenig von einem privaten Tagebuch. Sie sind vielmehr eine Art Projektion unserer Wünsche und Hoffnungen. Nach Schönem, nach Anerkennung. Ich bezweifle dass viele von euch wirklich Privates veröffentlichen. Wer schreibt schon darüber, dass er eine Depression hat? Arbeitslos ist? Dass die Kinder nerven und man nachts wieder nicht durchschlafen konnte? Das mal wieder nichts geklappt hat. Wer will das bitte lesen?

Wollen wir nicht!

Mein Blog ist da nichts anderes! Ich habe mit dem Bloggen begonnen, nicht um einfach nur eine Plattform zu haben, wo ich mich DIY-mäßig austoben kann - ganz privat für mich - , sondern unterbewusst auch mit dem Hintergedanken, Lob einzusammeln, für die tollen Dinge, die ich tue und weil ich so ein liebenswerter Mensch bin. Mehrmals am Tag schaue ich mir meine Statistiken an: Wie viele Leute haben meine Posts gelesen? Gibt es tatsächlich jemand der sich erbarmt hat mir ein paar nette Worte hier zu lassen? Wenn ja, freue ich mich wie ein kleines Kind über ein, zwei Zeilen. Man versucht dann interessantere Artikel zu schreiben. Streut mehr Glitzer drauf. Schaut sich das ein oder andere von Bloggern ab, die tatsächlich Erfolg haben.

Aber bin das noch ich?

Die Frage ist doch eigentlich, will ich hier "ich" sein?! Oder will ich nicht doch eine kleine, manchmal noch unperfekte Version einer Martha Steward darstellen? Eine Person, die etwas leistet, für das man sie bewundert. Eine Person die andere inspiriert. Klingt doch viel erstrebenswerter, oder?

Ich glaube, Texte in einem privaten Tagebuch könnten das nicht leisten. Wir machen doch eigentlich alle durch die Art und Weise wie wir schreiben und durch das, was wir zeigen, Eigenwerbung. Das heißt, wir bedienen unsere Zielgruppe. Und unsere Zielgruppe, so hart das nun klingt, hat es satt in den Nachrichten nur negative Schlagzeilen über Anschläge, Hunger und Armut zu lesen. Um Anerkennung zu bekommen, müssen wir Inhalte so wählen und Texte so schreiben, Fotos so aufnehmen, dass unsere Leser erstrebenswert finden, was sie da sehen - damit sie wiederkommen und Kommentare hinterlassen, die unser Selbstwertgefühl pushen. Denn mit Schönem befasst man sich viel lieber, als mit Ernstem, Tragischem, Privatem. Auf die Spitze getrieben: Würde uns eine Person oder deren Blog interessieren, wenn ihre Texte ernst, tragisch, traurig wären? Haben wir es nicht viel lieber cosy mit ganz viel Glitzer und Sahnehäubchen?

Ziemlich traurig, aber ich glaube tatsächlich, dass wir nicht hier sind, um Privates zu lesen oder zu schreiben. Unsere heutige Welt ist in so vielen Aspekten so unübersichtlich und angsteinflößend, dass wir das kleine bisschen cosy und Glitzer einfach brauchen.

Mh, wie kriege ich nun die Kurve zurück zum eigentlichen Thema. Blogs als private Tagebücher?
Jeder sollte für sich entscheiden, wie viel er/sie/es von sich veröffentlicht. Manchmal passiert es mir auch, dass ich Persönliches nicht außen vor lassen kann, weil es mir dann unter den Fingernägeln brennt und ich mir Feedback zu einem bestimmten Thema von Menschen wünsche, die ähnliche Interessen haben, wie ich. Ich glaube aber dass man Bloggen nicht mit privaten Tagebüchern vergleichen kann. Beides hat zwar mit Schreiben zu tun, aber einen gänzlich anderen Zweck.

Über euer Feedback würde ich mich freuen.

Es grüßt,
die Mimi






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ABOUT THE AUTHOR

Wer ist Mimi, wenn sie nicht gerade Mimi ist? Ohne die Anonymität zu brechen, so viel sei gesagt, Mimi kommt ursprünglich aus der Werbebranche und beschäftigt sich nun schon seit vierzehn Jahren mit Gestaltung. Dabei kommt ihr meist Miss Perfect in die Quere, die gerne alles auf Anhieb optimal haben will, was - wenn wir mal realisitisch sind - selten der Fall ist. Fräulein Mimi gestaltet daher selbst nicht gerne, denn meist dauert es Ewigkeiten, bis Miss Perfect zufrieden gestellt ist. Dann startete Mimi diesen Blog, um einerseits zu lernen Miss Perfect unter Kontrolle zu halten und andererseits wieder Spaß am Gestalten zu bekommen. Die Schlacht geht weiter...

10 Kommentare:

  1. Hallo,
    ich finde Deinen Post super.
    Genau auf den Punkt.
    Der Gedanke das die meisten Blogs so perfekt sind, zu perfekt, spukt auch schon eine Weile in meinem Kopf herum.
    So will und kann ich nicht sein.
    Ich denke, das Anerkennungsthema stimmt.
    Ich mache ein tolles Foto in der aufgeräumten dekotieren Ecke meiner Wohnung und alle finden es toll.
    Also, wenn ich die Ecke bei mir mal finde mache ich es auch :-)))
    Grüße
    Karin

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    1. Ja, genau *lach* die aufgeräumte Ecke. Rings um türmt es sich, aber wenigstens das kleine Fleckchen in der Ecke ist perfekt. Und Photoshop sei Dank, kann man ja auch die unvorteilhafte Beleuchtung ändern und Staubwolken entfernen ;)
      Dass Blogs oft zu perfekt sind ist glaube ich einfach ein Blogger-Ding, das nicht zu ändern ist. Es kommt aber auch auf das Thema an, dem der Blog verschrieben ist. Es gibt ja auch genügend politisch orientierte Blogs. In unserem Bereich - ich nenn ihn einfach mal "Kochen, Backen, Kleidung, Schminke und Basteln" - ist aber glaube ich alles was ehrlich und authentisch ist nicht so sehr gefragt. Hochglanz ist da wichtiger. Und deshalb wische ich über den Untergrund auf dem ich mein gebasteltes Meisterwerk präsentiere extra noch ein-, zweimal drüber, bevor ich das Foto aufnehme ;)

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  2. Da im Internet nicht nur liebe, nette Menschen unterwegs sind, halte ich nichts davon, auf einem Blog oder Facebook das ganze Privatleben auszubreiten. Mein Blog ist mein Hobby und ich zeige dort auch meine Hobbys, mehr nicht. Ich habe aber auch über Joshua geschrieben, der schwerbehindert ist. Es gibt viele Bloggerinnen, die für eine Hilfsorganisation z. B. handarbeiten. Das zeigt auch, dass nicht alles heile Welt ist.
    LG Elke

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    1. Hallo Elke,
      ich bin absolut deiner Meinung. Nicht jeder Blog der sich mit Handwerken, Inneneinrichtung und Co. beschäftigt, dient dem Zweck das Ego zu befriedigen. Das habe ich auch nicht behauptet. Ich finde es nur erschreckend, dass viele Blogs - vielleicht nur unbewusst - diesen einen Zweck haben. Umso toller ist es, wenn es auch Blogger gibt, die sich anderen Themen zuwenden und Profil zeigen. Hut ab!

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  3. Sehr schöner Post - ich habe mich in vielem selbst erkannt und fühlte mich auch ertappt... ;-)
    LG, Brigitte

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    1. Hallo Brigitte,

      ja, das mit dem Gefühl ertappt zu sein, ging mir ehrlich gesagt auch so, als ich den Artikel geschrieben habe. Mein Schreibt und Schreibt und merkt auf einmal, was man da überhaupt gerade schreibt und dass man sich selbst eingesteht so sehr davon abhängig zu sein, was andere denken. Aber das schöne daran, wenn man sich ertappt fühlt ist doch, dass man damit beginnen kann, zu schauen, ob man was ändern will. Meiner Meinung nach ist beides völlig legitim. Ob man den Blog als Sprachrohr nutzt um die Welt ein bisschen besser zu machen oder ob man bloggt um ein bisschen mehr Freude und Anerkennung ins eigene Leben zu bringen. Man tut damit ja niemandem weh :)

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  4. Mhh... interessant! Da musste ich erstmal einige Gedanken sacken lassen. Zum einen gebe ich Dir Recht, dass ich i.d.R. nicht von Sorgen und Nöten auf meinem Blog schreibe. In der Regel... denn auch das habe ich schonmal gemacht. Ich habe aber schon eine Menge Postings gelesen, in denen die Bloggerin ganz deutlich und ehrlich geschrieben hat, dass sie sich einen neuen Job wünscht, einen unerfüllten Kinderwunsch hat, usw.! Jedes mal war ich erstaunt und fühlte mich ein wenig beschämt, dass ich das da jetzt lese. Das geht mich doch eigentlich nichts an!
    Ich gebe Dir auch Recht, dass viele Blogs hochprofessionell sind. Das muss nicht zwingend negativ sein. Ich lese solche Blogs wie ein Magazin. Am liebsten mag ich es aber, wenn eine persönliche Note mitschwingt. ;-)
    Danke, dass Du bei #Schreibzeit mitgemacht hast!
    Liebe Grüße, Bine

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  5. Liebe Mimi,

    endlich, endlich, endlich komme ich dazu, Deinen Post zu lesen. Wow! Ich weiß gerade gar nicht so genau, was ich sagen soll. Mir schießen 1000 Gedanken durch den Kopf und kann das alles gerade gar nicht Worte fassen.
    Ich glaube, da brauche ich etwas Zeit und Ruhe, um all die Gedanken zu ordnen. Ich hoffe, dass das okay für Dich ist. Denn: Ich möchte Dir antworten - und zwar ebenso ausführlich wie Du Deinen Post geschrieben hast.

    Wow!

    Liebe Grüße
    Nicole

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  6. Moin!
    Wahrscheinlich war ich es, die deine Statistik heute nach oben geschraubt hat - ich habe dich zufällig entdeckt und bin hängen geblieben weil mir deine Art zu Schreiben gefällt.
    Ich komme wieder - mit mehr Zeit :-)

    Liebe Grüße - Monika

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    1. Das freut mich wirklich sehr! Schön, dass du mich gefunden hast und hängen geblieben bist.

      Habe gerade auf der Seite von Bente vorbei geschaut und muss sagen, ich finde deine Fotografie sagenhaft und sehr ansprechend. Da werd ich nun erst mal rumstöbern :)

      Es grüßt,
      die Mimi

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