DIY | Mittelalterliches Brettchenweben

Fräulein Mimi hat es tatsächlich wieder geschafft etwas zu basteln und das ganz ohne den Druck darüber bloggen zu müssen! Ich habe das Basteln in den letzten Monaten akribisch gemieden. Viel zu anstrengend. Die Schule hatte mich auch im Griff, denn es ging schnurstraks auf die Sommerferien zu und Noten wollten gemacht werden. Aber mitten im Endspurt hat es mich dann doch wieder gepackt - mehr durch Zufall.



Eine Freundin von Professor M. hat uns eingeladen mit auf einen Mittelaltermarkt zu kommen. Ich bin ein großer Fan von solchen Veranstaltungen und finde es immer spannend, was man dort so an den Ständen an Selbstgemachtem finden kann. Irgendwie sind wir dann auf die Idee gekommen, och, man könnte sich ja auch mal mittelalterlich verkleiden...

"Retrospektiv: schlechte Idee..."

Miss Perfect war natürlich sofort zur Stelle! Pannesamt-Burgfräulein-Outfits?! No way! Nicht mit mir! Super entrüstet, rümpfte sie über allen Mittelalterkleidern in die Fräulein Mimi reingepasst hätte die Nase. "Nicht authentisch", war ihr Urteil. Recht hat sie. So ein Pannesamt-Burgfräulein wollte ich eigentlich auch nicht sein - ich finde den Stoff nämlich ganz furchtbar. Kann ihn nicht anfassen. Grauselig!
Ok...dann also was anderes.

Bei meiner Recherche bin ich dann über etliche Blogs und Foren gestolpert, wo sich Leute vorstellen die sogenanntes "Reenactment" machen (to reenact heißt soviel wie nachstellen, nachspielen). Diese Menschen geben sich unglaublich viel Mühe ihre Kostüme so realistisch wie möglich zu halten, bis ins kleinste Detail. Als Materialien kommt nur das in Frage, was auch tatsächlich an Ausgrabungsorten gefunden wurde. Über den Rest wird spekuliert und in Foren heftig diskutiert.

"Hello? Ich wollte doch nur ein Kostüm..."

Irgendwie hatte es mich dann! Also nix Pannesamt - her mit dem (halbwegs) authentischen Outfit! Was ich noch nicht erwähnt habe, aber was meiner Meinung nach echt erwähnenswert ist: viele der Menschen, die Reenactment betreiben, beschäftigen sich auch tatsächlich mit den handwerklichen Methoden der jeweiligen Zeit und versuchen diese unter ähnlichen Bedingungen wieder anzuwenden. Sie weben sich ihre Stoffe, gerben ihr Leder, schneidern ihre Kleidung, fertigen Rüstungsteile an, gießen Metall, bearbeiten Holz, Knochen, Glas usw. Ich habe mich jetzt bestimmt einen Monat lang mit diesem Thema beschäftigt und ich entdecke täglich noch überraschende neue Details zum Reenactment.
Ganz erstaunlich finde ich auch, dass man nicht einfach ein mittelalterliches Reenactment macht - nein! Man nimmt sich eine genau festgelegte Zeit und versucht diese so originalgetreu wie möglich darzustellen. In meinem Fall - ich habe mich dann irgendwann für die Darstellung einer Wikingerfrau entschieden - heißt das nicht einfach "Wikingerzeit" - denn die ist ziemlich lange und von unterschiedlichen Kunstepochen geprägt -, sondern 9. bis 10. Jahrhundert in Birka bzw. Haithabu, denn es gibt auch ortsspezifische Unterschiede.

Beim Burgschneider, siehe hier, wurde ich was meine Kleidung angeht ziemlich schnell fündig. Für vergleichsweise wenig Geld, erhielt ich ein Unterkleid und eine Schürze, die schön nach Wikinger aussehen. Mittlerweile weiß ich, dass der Schnitt der Schürze nicht ganz authentisch ist, aber das ist wohl ein Tod den Miss Perfect sterben muss, denn es gibt beim Burgschneider unglaublich viele verschiedene Farbkombinationen, die einfach schick aussehen - und dazu noch Kleidung in Fräulein Mimis Größe! Unglaublich!
Tja, naiv wie ich war, dachte ich, damit wäre es dann getan. Nein, nein, nein! Noch nicht ganz...

Nächstes Problem: Wikinger-Damen haben laaange Haare. Fräulein Mimi hat aber kurze. Frauen mit kurzen Haaren waren bei Wikingern sogenannte Thralls, also Unfreie. Sklaven.
DAS schwebte Fräulein Mimi so gar nicht vor. Also musste noch ein Kopftuch her.
Bei der weiteren Recherche, getriggert durch die Tatsache, dass man auch unterschiedliche gesellschaftliche Schichten beim Reenactment darstellen kann/soll, fiel Fräulein Mimi auf, dass die Herrin des Hauses bei den Wikingern auch ihre Kleidung schmücken durfte.

"Schmuck?! Nur her damit!"

Aber ganz so einfach sollte es dann doch nicht sein...



Die Schürze wurde von sogenannten Fibeln festgehalten - einer auf jeder Körperseite, etwas unterhalb der Schultern bzw. oberhalb der Brust positioniert. Hier seht ihr eine ziemlich kleine und eher untypische Fibel. Die richtigen, authentischen Fibeln, die zum Befestigen der Schürze benutzt wurden, sind sogenannte Ovalfibeln und kosten zwischen 150 und 200 Euro je Paar. Das bin ich noch nicht gewillt zu bezahlen. Also müssen es die kleinen tun.
Zwischen den Fibeln hing eine Perlenkette aus Glas, bzw. auch mit Knochen-, Bronze-, Silber- oder Goldperlen bestückt. Eine sehr komplexe Welt! Ich habe garantiert zwei Wochen gebraucht bis ich einigermaßen verstanden habe, dass man ziemlich genau hinschauen muss, beim Perlenkauf! Es gibt auch hier wieder regionale Unterschiede. Ich habe mich an den Funden in Haithabu orientiert - bzw. an der super ausführlichen und übersichtlichen Seite von Christin, siehe hier - und versucht meine Kette so schnörkellos wie möglich zu machen, aber dafür ziemlich bunt. Einige Wikinger-Frauen trugen auch mehrere Perlenketten in Reihen. Je umfangreicher die Perlenkette, desto höher der Stand und wahrscheinlich auch der Reichtum der Familie, bzw. des Ehemanns.



Es gibt noch anderen Schnickschnack den man als Deko und zum Gebrauch am Kleid trug. Davon demnächst mehr, wenn die Lieferung der guten Stücke bei mir eingetroffen ist. Ich sag nur "Ohrlöffel"...lecker...

Perlen sind aber nicht das einzige Schmuckstück an der Wikingerkleidung.

"Und nun kommen wir mal wieder zum Basteln zurück."

Wikinger schmückten sich gerne mit Borten. Diese wurden im sogenannten Brettchenweb-Verfahren hergestellt. Dies lässt sich ziemlich leicht selbst ausprobieren, ohne dass man großartig viel Material benötigt. Auf der Seite von Claudia "Flinkhand" - hier zu finden - gibt es tolle Anleitung zum Weben eures Erstlingswerks.
Mein Erstlingswerk -die Arbeit von einem ganzen Tag - ist nicht wirklich herzeigbar. Es war ein großes Kuddelmuddel mit den ganzen Fäden. Alles war verknotet und verdreht und irgendwie kam am Schluss zwar eine kleine Borte raus, aber naja...ihr kennt ja Miss Perfect mittlerweile.



Kurze Zeit später hatte es mich dann aber wieder und es musste eine noch breitere Borte her, um meine Schürze zu putzen! Ich hatte mich zwischenzeitlich in etlichen Blogs über Tipps und Tricks schlau gemacht und hatte es nach einem Tag Vorbereitungszeit (d. h. Fäden zuschneiden, anordnen, Brettchen einfädeln usw.) endlich geschafft "schön" zu weben. Das Band ist nun ca. 2,5 - 3 Meter lang und bietet genug Material für meine Schürze. Für das Weben habe ich noch mal zwei Tage benötigt. Kein Wunder also dass selbst gewebte Borte auf den Mittelaltermärkten so teuer ist. Die Arbeit geht in den Rücken und man muss sich tierisch konzentrieren, damit man nicht durcheinander kommt, sonst hat man ratz-fatz einen Webfehler im Muster. Ist aber definitiv eine schöne Art der Handarbeit. Diese wird wohl auch nicht die letzte Borte gewesen sein. Aber nun werde ich mein stolzes Zweitlingswerk erst einmal an der Schürze festnähen.

Genug Input? Gut : ) Fräulein Mimi geht nämlich gerade die Puste aus.

Ich wünsche euch ein Wochenende voller Tatendrang!

Mimi









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ABOUT THE AUTHOR

Wer ist Mimi, wenn sie nicht gerade Mimi ist? Ohne die Anonymität zu brechen, so viel sei gesagt, Mimi kommt ursprünglich aus der Werbebranche und beschäftigt sich nun schon seit vierzehn Jahren mit Gestaltung. Dabei kommt ihr meist Miss Perfect in die Quere, die gerne alles auf Anhieb optimal haben will, was - wenn wir mal realisitisch sind - selten der Fall ist. Fräulein Mimi gestaltet daher selbst nicht gerne, denn meist dauert es Ewigkeiten, bis Miss Perfect zufrieden gestellt ist. Dann startete Mimi diesen Blog, um einerseits zu lernen Miss Perfect unter Kontrolle zu halten und andererseits wieder Spaß am Gestalten zu bekommen. Die Schlacht geht weiter...

1 Kommentare:

  1. Weben find ich super. Deine Borte ist total schön geworden.
    lg, Gabi

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